MENSCH · LIEBE · GOTT
Die Verantwortung des Sehens
Was es bedeutet, jemanden zu lieben, wenn man mehr erkennt, als man verändern soll.
Wenn Gott einem Menschen eine Gabe der Unterscheidung gegeben hat und dieser Mensch dadurch bei anderen sehr schnell erkennt, was hinter ihren Worten, ihrem Verhalten oder ihren Schutzmechanismen liegt – was bedeutet es dann, jemanden wirklich zu lieben?
Das ist eine Herausforderung für sich.
Denn einerseits erkennst du manchmal viel mehr über einen Menschen als das, was er dir tatsächlich sagt. Du siehst mehr, als er preisgeben möchte – vielleicht sogar mehr, als er selbst gerade sehen kann.
Doch wenn du es ansprichst, kannst du auf eine weiße Wand stoßen. Nicht unbedingt, weil du falschliegst, sondern weil es vielleicht noch Monate oder Jahre dauern wird, bis dieser Mensch selbst zu einer bestimmten Erkenntnis kommt.
Und genau hier beginnt die nächste Schwierigkeit:
Du willst nicht arrogant sein. Du weißt, dass deine Wahrnehmung nicht automatisch die Wahrheit ist. Du kannst falschliegen. Auch geistliche Unterscheidung macht einen Menschen nicht unfehlbar.
Schwierig wird es allerdings, wenn sich bestimmte Wahrnehmungen immer wiederholen. Wenn du etwas erkennst, es ansprichst, es verneint wird – und du irgendwann trotzdem wieder an genau demselben Punkt landest.
Was passiert dann?
Fängst du irgendwann an, deiner eigenen Wahrnehmung zu sehr zu vertrauen?
Oder passiert das Gegenteil – und du beginnst, an dir selbst zu zweifeln, weil das, was du wahrnimmst, vom anderen Menschen nicht gesehen oder anerkannt wird?
Aus einer eigentlich gesunden Liebe kann so sehr schnell etwas Verwirrendes entstehen.
Auf der einen Seite entsteht Druck: Ein Mensch fühlt sich gesehen, vielleicht sogar "durchleuchtet", bevor er selbst bereit ist, bestimmte Dinge anzuschauen. Er fühlt sich ungewollt so, als würde er unter dir stehen.
Auf der anderen Seite entstehen Verwirrung und Zweifel – an sich selbst, an der eigenen Wahrnehmung und irgendwann an der gesamten Verbindung und am Herz des anderen.
Besonders schwierig wird es, wenn zwei Menschen grundsätzlich sehr reflektiert oder intelligent sind und gleichzeitig beide ihre eigenen Verletzungen mitbringen. Leider spielt Alter dabei keine besonders große Rolle.
Mehr Wissen allein löst dieses Problem nicht unbedingt.
Du kannst noch mehr über Bindungsmuster lernen. Noch mehr über Trauma. Noch mehr über Kommunikation. Du kannst Coaches und Therapeuten fragen und versuchen, die Dynamik bis ins kleinste Detail zu verstehen.
Und trotzdem kann irgendwann der Punkt kommen, an dem du merkst:
Ich kann das Herz eines anderen Menschen nicht für ihn verändern.
Vielleicht liegt genau hier eine der wichtigsten Lektionen dieser Gabe.
Wenn Unterscheidung tatsächlich von Gott kommt, dann bedeutet die Fähigkeit, etwas zu erkennen, nicht automatisch, dass Gott dir auch den Auftrag gegeben hat, es offenzulegen, zu erklären oder zu verändern.
Denn du bist nicht die Wahrheit.
Jesus ist es.
Und genau das schützt vor zwei Extremen:
„Ich sehe es, also muss es wahr sein.“
und
„Der andere sieht es nicht, also muss meine Wahrnehmung falsch sein.“
Ich darf etwas wahrnehmen. Ich darf es prüfen. Ich darf dafür beten. Ich darf darüber sprechen, wenn es angebracht ist. Und ich darf Grenzen ziehen, wenn etwas immer wieder verletzt.
Aber ich muss nicht die Verantwortung dafür übernehmen, wann ein anderer Mensch etwas erkennt oder ob er sich verändert.
Diese Verantwortung gehört Gott.
Vielleicht bedeutet Liebe deshalb manchmal, etwas auszusprechen.
Vielleicht bedeutet sie manchmal, eine Grenze zu ziehen.
Vielleicht bedeutet sie, für jemanden zu beten.
Und manchmal bedeutet Liebe, etwas zu sehen, ohne daraus Kontrolle zu machen. Ins Vertrauen zu gehen und zu schweigen – selbst wenn sich Schweigen zunächst so anfühlt, als würde es einen selbst ausbremsen.
Denn vielleicht geht es in diesem Moment gar nicht nur darum, was Gott dem anderen Menschen zeigen möchte.
Vielleicht möchte er auch mir etwas zeigen.
Über meine Ungeduld. Über meinen Wunsch, verstanden zu werden. Über meinen Drang, etwas auflösen zu wollen, das noch nicht an mir ist, aufzulösen.
Das verändert für mich auch die Bedeutung dieser Gabe.
Denn wenn sie von Gott kommt, muss ich sie nicht krampfhaft selbst steuern. Ich darf die Verantwortung darüber demjenigen zurückgeben, von dem sie gekommen ist.
Geistliche Reife zeigt sich dann nicht darin, immer schneller etwas über andere Menschen zu erkennen und ungeduldig zu werden, wenn sie nicht genauso schnell erkennen können, was man selbst bereits sieht.
Sondern darin, immer besser unterscheiden zu lernen, was man mit dem Erkannten tun soll – und wohin man es bringen darf.
— Lena
SCHNELL DENKEN. LANGSAM LEBEN.