MENSCH · SCHÖPFUNG

Du musst in die Zukunft denken können, um zu verstehen, warum es so wichtig ist, das Jetzt bewusst zu leben.

Über Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft und die Erinnerung, dass das hier schon die Story ist.

19. August 2026 · 6 Min. Lesezeit

Ich saß gerade im Bus in Lissabon und hatte diesen Gedanken.

Meine Mama hat mir letztens wieder etwas über mich als Kind erzählt und ich habe darüber nachgedacht, dass ich das einer bestimmten Person erzählen will, wenn ich sie das nächste Mal sehe.

Und dann dachte ich heute: Ich muss mir diese ganzen Dinge über mein Kind, falls ich mal Mama werden sollte, ganz doll merken.

Denn ich möchte all diese Geschichten erzählen können. Ich möchte, dass mein Kind das von mir über seine Kindheit erfahren kann, wie ich heute Dinge von meinen Eltern erfahre.

Und dann ist mir etwas aufgefallen: Damit ich überhaupt verstehen kann, warum es jetzt wichtig ist, mir das zu merken, müssen wir in die Zukunft denken können.

Nicht in die Zukunft schauen. In die Zukunft denken.

Ich muss mir eine zukünftige Version von mir vorstellen können, die irgendwann irgendwo mit ihrem Kind sitzt und ihm all diese Geschichten erzählt, damit ich heute verstehen kann, warum ich mir Momente im Leben so genau merken möchte.

Und ich glaube, genau so lebe ich tatsächlich ziemlich viel von meinem Leben. Deshalb mache ich so viele Fotos. Deshalb mache ich so viele Videos. Deshalb höre ich so gerne und tief zu. Deshalb reflektiere ich so viel. Deshalb schreibe ich Dinge auf.

Deshalb erzähle ich Geschichten und teile so viel aus meinem Leben.

Selbst mein Instagram-Storyarchiv ist mittlerweile eigentlich einfach eine riesige Sammlung aus Momenten, zu denen ich nie wieder zurückkehren kann.

Und ganz ehrlich: nicht, um zurückkehren zu wollen, sondern um dankbar dafür zu sein, dass ich das erleben durfte oder dass ich es irgendwo durchgeschafft habe und mich an die Momente erinnern kann.

Denn es ist ein Unterschied, ob du irgendwohin zurückwillst oder ob du dankbar dafür bist, dich daran erinnern zu können, dass du einmal dort warst.

Mein Kopf funktioniert einfach so.

Mein Gedächtnis funktioniert so.

Mit jedem Foto, das ich mache, und jedem Video, das ich aufnehme, verbinde ich vieles. Geschichten, Emotionen, Menschen, einen Ort, ein Gefühl.

Ich kann irgendein random Video von vor ein paar Jahren anschauen und es versetzt mich direkt wieder zurück. Nicht nur örtlich. Auch psychisch. Und zwischenmenschlich.

Ich weiß wieder, wer damals um mich herum war. Ich weiß wieder, was damals in meinem Leben los war. Was wichtig war und was vielleicht zu wichtig oder noch nicht wichtig genug war. Ich weiß, was mich frustriert hat und was mich gefreut hat. Was wehgetan hat. Was falsch war und was richtig war. Ich weiß, was niemand verstanden hat und dass ich wusste, dass es mir egal sein kann, weil irgendwann wird man verstehen - oder auch nicht, dann ist es auch irrelevant für mich. Und was ich damals dachte und was ich mir vorstellen konnte, was als Nächstes passieren würde.

Und ich finde das so wertvoll.

Weil ich manchmal zurückschaue und mir denke: Wow. Da war ich schon. So habe ich mich schon mal gefühlt. Da bin ich schon mal durchgegangen. Das hat alles nicht geklappt, das aber dafür schon. Ich habe schon Dinge überlebt, bei denen ich damals keine Ahnung hatte, wie ich da jemals durchkommen soll. Ich habe schon so tief geliebt. Ich war schon so unfassbar dankbar. Ich war schon eine komplett andere Version von mir selbst.

Und ich bin schon in 100 neue Versionen von mir hineingewachsen, habe aber oft die gesamte Reise gar nicht mehr so auf dem Schirm. Bis mich irgendein Bild wieder daran erinnert hat.

Und im Kern bin ich nicht nur die Gleiche geblieben, sondern je näher ich zu Gott gefunden habe, immer mehr zu meinem "echten Ich" geworden.

Und dann sind da noch die Muster. Du schaust über Jahre auf dein eigenes Leben zurück und erkennst Dinge, die du niemals hättest erkennen können, während du mittendrin warst. Muster in dir selbst. Muster in Beziehungen. Muster in deinem Denken und darin, wie und warum sich deine Identität geschliffen hat. Muster in deinen Entscheidungen. Muster darin, wie du dich entwickelt hast und warum.

Und ich finde das irgendwie so krass, weil das Ganze dadurch zu einem Kreislauf wird.

Ich denke in die Zukunft und weil ich in die Zukunft denken kann, verstehe ich, warum ich das Jetzt so bewusst erleben und als klare Erinnerung behalten möchte.

Denn dieses Jetzt wird irgendwann zu meiner Vergangenheit.

Ich schaue zurück auf meine Vergangenheit und verstehe die Gegenwart dadurch heute ein bisschen besser.

Und dadurch, dass ich mich besser verstehe, kann ich meine Zukunft noch bewusster leben.

Und dann geht das Ganze wieder von vorne los.

Deshalb glaube ich nicht, dass uns das Denken an die Zukunft automatisch aus dem gegenwärtigen Moment holt. Eigentlich glaube ich genau das Gegenteil.

Ich glaube, unsere Fähigkeit, in die Zukunft denken zu können, kann uns dabei helfen, die Gegenwart überhaupt erst richtig bewusst zu leben.

Und ich glaube auch nicht, dass Fotos oder Videos zu machen automatisch bedeutet, dass man „nicht im Moment lebt“.

Zumindest bedeutet es das für mich nicht.

Manchmal mache ich ein Foto gerade weil mir so bewusst ist, dass ich in diesem Moment bin.

Weil ich jetzt schon weiß: Das hier wird nicht für immer mein Leben sein. Dieser Ort wird nicht für immer mein Zuhause sein. Diese Menschen werden nicht für immer um mich herum sein. Doch das wird irgendwann relevant sein, vielleicht noch relevanter als im Jetzt.

Und ich werde nicht für immer diese Version von mir sein. Und ich weiß einfach nicht, was im Leben noch alles so kommt. Und das ist vollkommen okay. Ich muss es nicht behalten. Aber ich möchte wissen, dass es war.

Und dann gibt es noch eine andere Seite an diesem Gedanken, die ich wirklich ernst zu nehmen finde. Denn wenn du einmal anfängst, dein Leben so zu betrachten, kannst du es nicht mehr unbewusst leben.

Weil du erkennst: Das hier ist schon die Story. Sie passiert bereits. Dieser komplett random Mittwoch ist Teil meiner einzigartigen, wichtigen Lebenslinie. Dieses Gespräch ist Teil meines Lebens. Dieser Mensch, den ich gerade erst kennengelernt habe, ist Teil meines Lebens. Diese Entscheidung ist Teil meines Lebens.

Dieses komische kleine Kapitel, von dem ich gerade denke, dass ich „da halt irgendwie durchmuss“, ist wortwörtlich Teil des Films & der Vorspann von einem neuen Kapitel, das es öffnet – einfach nur, weil genau das gerade ist.

Und ich habe keine Ahnung, was davon irgendwann welche Bedeutung haben wird & welcher weitere Handlungsstrang daraus entsteht. Das ist ja das Krasse. Doch ich weiß garantiert, dass es eine Bedeutung haben wird. Weil alles eine hat, jede einzelne Sekunde.

Ich kann heute ein altes Video anschauen und weiß ganz genau, was danach passiert ist. Aber die Frau in diesem Video? Die hatte absolut keine Ahnung.

Und gerade? Bin ich wieder sie. Und du bist sie auch - oder er.

Du weißt nicht, was als Nächstes kommt.

Du weißt nicht, welcher Mensch in zehn Jahren noch welche Rolle in deinem Leben spielen wird oder wie du in 10 Jahren bist. Wir wissen nicht mal, ob es uns in 10 Jahren noch gibt auf dieser Erde.

Du weißt noch nicht, welche komplett zufällige Begegnung alles verändern wird.

Du weißt nicht, welches Ende sich irgendwann als Anfang herausstellen wird und welcher Anfang zu welchem Ende führt.

Du weißt nicht, welcher vollkommen normale Tag irgendwann eine Erinnerung sein wird, an die du für den Rest deines Lebens zurückdenkst.

Und irgendwie sorgt genau das dafür, dass ich sorgsam mit mir und meinem Leben umgehen möchte. Absolut nicht ängstlich. Und nicht so, dass ich versuche, alles zu kontrollieren.

Sondern bewusst und bedacht.

Weil jeder Mensch zählt. Jede Begegnung zählt. Jedes Kapitel zählt.

Nicht weil aus allem irgendetwas Riesiges werden muss. Sondern einfach, weil es passiert ist. Weil es Teil dieses einen Lebens geworden ist.

Und für mich ist genau das der Punkt.

Ich glaube, wir müssen gar nicht die ganze Zeit versuchen, jeden Moment besonders wertvoll zu machen. Ich glaube, wir dürfen einfach verstehen, dass er es bereits ist.

Also mach das Foto. Mach das Video. Schreib die Geschichte auf. Frag deine Familie etwas.

Hör wirklich zu, wenn dir jemand etwas aus seinem Leben erzählt. Merk dir, wie sich der Raum angefühlt hat.

Nimm wahr, wer du gerade bist.

Denn irgendwann schaust du vielleicht auf genau diese Version von dir zurück und verstehst Dinge, die sie heute noch gar nicht verstehen kann. Und diese zukünftige Version von dir wird nur auf das zurückgreifen können, was du heute bewusst genug wahrgenommen und vielleicht festgehalten hast.

Vielleicht ist unsere Fähigkeit, in die Zukunft denken zu können, genau das, was uns überhaupt erst verstehen lässt, wie sehr wir die Gegenwart zählen lassen dürfen.

— Lena

Wenn dich das zum Nachdenken gebracht hat, schick es jemandem, den du liebst.

NÄCHSTER GEDANKE

Eine Geschichte braucht keine Öffentlichkeit, um wertvoll zu sein.

GEDANKEN DAZU

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    SCHNELL DENKEN. LANGSAM LEBEN.