Ruhiges Bergtal im Abendlicht

Was ist Wahrheit – wenn es keinen absoluten Maßstab für Wahrheit gibt?

Wenn es keinen absoluten Referenzpunkt gäbe, warum sollte ausgerechnet eine menschliche Perspektive DIE Wahrheit besitzen?

Ich erinnere mich an einen Tag in Wien, 2020. Ein Freund erzählte mir davon, was seine Exfreundin arbeitete, und irgendwie wurde es mir ein bisschen eng und dunkel, während ich ihm zuhörte. Sie forschte. Und ich konnte einfach nicht verstehen, wie manche Menschen ihre Lebenszeit damit verbrachten, Wissenschaft zu studieren und zu forschen. Für mich hörte sich das damals an wie: Lebenszeit verschwenden. Wonach forschten sie?

Ich verstand damals noch nicht, dass Wissenschaft gar nicht zwingend nach DER Wahrheit sucht, nach der ich fragte. Sie untersucht einzelne Zusammenhänge unserer Wirklichkeit, stellt Hypothesen auf, überprüft sie, verwirft manche Erkenntnisse, bestätigt oder präzisiert andere und kommt der Wirklichkeit dadurch immer näher. Aber genau das erschien mir damals irgendwie zu klein.

Selbst wenn wir immer genauer verstehen, wie etwas funktioniert – beantwortet das irgendwann, warum überhaupt etwas existiert? Was ein Mensch ist? Warum wir wirklich hier sind? Was richtig und was falsch ist? Und vor allem: Woran messen wir eigentlich, ob etwas wahr ist? Wann und wo sollte diese Suche jemals enden? Ich weiß nicht, ob mich damals jemand verstand, aber ich verstand die Menschen nicht, die davon sprachen, auf der Suche nach „der Wahrheit“ zu sein. Welche Wahrheit denn? Was meinen die denn?

Wie viele Wahrheiten in wie vielen Feldern, Branchen und Themen wollen wir finden? Für mich war das zu unlogisch und, ehrlich gesagt, auch zu kleinkariert. Selbst wenn man eine kleine Wahrheit gefunden hatte – und dann? Mir war die Bedeutung davon zu gering, als dass ich dafür losgegangen wäre. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass ich sechs Jahre später etwas kennenlernen sollte, das mein gesamtes Verständnis von Wahrheit verändern würde. Nicht eine weitere Wahrheit in einem weiteren Feld. Sondern einen Maßstab, der für mich plötzlich auf alle Felder ausstrahlte. Und auf einmal begann ich zu verstehen, WIE und WARUM Dinge miteinander zusammenhängen.

Bevor es aber dazu kommen sollte, wurde ich zunehmend frustrierter, wenn ich Menschen über „die Wahrheit“ sprechen hörte und gleichzeitig beobachtete, wie sie diese selbst definierten. Selbst wenn man annehmen würde, es gäbe sie – wovon ich damals noch nicht einmal ausging –, wie will ein Mensch Wahrheit definieren können, wenn er keinen Maßstab hat, an dem er sich orientiert? Jeder Mensch hat eine subjektive Wahrnehmung. Niemand von uns ist hundertprozentig objektiv. Objektiv bezogen auf was überhaupt? Das bedeutet: Sobald jemand anfing, von „der Wahrheit“ zu sprechen, fand ich das ganz schön arrogant. Ich blieb lieber dabei, dass ohnehin jeder seine eigene Wahrheit hat.

Denn alles, was ich darin hörte und wahrnahm, war die Deutungshoheit über Situationen. Die Einordnung in „richtig“ und „falsch“, basierend auf eigenen Ansichten, Erfahrungen, Überzeugungen und Wünschen – darauf, wie man die Wahrheit eben gerne hätte. Das fand ich gefährlich. Und es hat mich wirklich getriggert und mir auch viele Verletzungen zugefügt, weil andere Menschen genau das so lebten. Genauso habe ich sicherlich auch anderen Menschen Verletzungen zugefügt, wenn ich es selbst manchmal so gelebt habe. Ich blieb lieber bei der Ansicht, dass es diese eine Wahrheit nicht gibt und dass Menschen sich auch nicht damit aufhalten sollten, jemandem zu folgen, der so tut, als hätte er sie herausgefunden. Es war für mich auch ein ganz komisches Gefühl, Menschen zu sehen, die „die Wahrheit“ in irgendwelchen Gurus sahen und sich ihnen anhängten wie kleine Kinder. Ich fand das schrecklich. Lieber bestärkte ich Menschen darin, bei ihrer eigenen Klarheit zu bleiben. Wobei ich, wenn ich ehrlich bin, damals selbst manchmal von „ihrer Wahrheit“ gesprochen habe. Eigentlich meinte ich: bei sich bleiben. Selbst denken. Und irgendwie hatte ich dann das Vertrauen, dass diese „höhere Macht“ oder das Universum schon mitlenken würde. Wobei das auch nicht zu 100% so zuverlässig klappte.

Aber die eigene Wahrnehmung nicht einfach einem anderen Menschen zu übergeben, erschien mir immer noch besser, als irgendeinem Menschen blind hinterherzulaufen. Und ich würde auch heute noch sagen: Das war nicht bewusst der falsch gewählte Weg. Aber es war nun mal auch noch nicht das Ziel. Denn in einem Punkt denke ich heute tatsächlich noch genauso wie damals: Kein Mensch sollte der Maßstab für Wahrheit sein. Und mit kein Mensch, meine ich: KEIN Mensch.

Irgendwann kam ein Punkt, an dem ich so verwirrt und überfordert war von Dingen, die in meinem Leben in kürzester Zeit passiert waren, dass ich selbst nicht mehr richtig einordnen konnte, was real und was nicht real war, was richtig und was falsch war und warum Dinge passierten, wie sie passierten. Keine Aktion, keine Handlung und kein Wissen halfen mehr weiter. Zudem fühlte ich mich in meiner Freiheit nichtmal mehr wirklich frei, was mir auch Bedenken machte, aber ich konnte es diesmal auch nicht mit Willenskraft alleine verändern. Und ich wollte mich auch von keinem Menschen darin beeinflussen lassen – da war ich schon immer sehr vorsichtig. Und plötzlich war da dieses Gefühl, als würden sich in meinem Gehirn Platten verschieben – ohne dass ich es kontrollieren konnte. Irgendwann wurde ich dann langsam mit etwas konfrontiert, das überhaupt nicht in mein bisheriges Weltbild passte und über kurz oder lang eine Entscheidung von mir verlangte. Ausgerechnet von mir. Von jemandem, die in „Meinungsfreiheit“ bisher vor allem die Freiheit davon gesehen hatte, sich überhaupt auf eine Meinung festlegen zu müssen. Doch plötzlich war da eigentlich nur noch: Es muss bitte Gott geben. Ich weiß sonst jetzt wirklich nicht mehr weiter.

Und auch: Was, wenn es Gott wirklich gibt und er der Maßstab ist? Nicht nur „das Universum“. Nicht nur irgendeine höhere Energie, die am Ende doch wieder so vage ist, dass jeder Mensch hineininterpretieren kann, was er gerade braucht. Das hatte für mich bisher gut funktioniert. Aber plötzlich schien es nicht mehr zu greifen. Gleichzeitig hatte ich Angst davor, mein bisheriges Weltbild komplett infrage stellen zu müssen. Es war mir sogar peinlich. Aber irgendwie war mir auch egal & abenteuerlich fühlte es sich auch an. Nur habe ich auch hinterfragt, ob es vielleicht zu abenteuerlich war und ich nur deshalb hinterfrage. Aber wenn es einen Zeitpunkt gab, es infrage zu stellen, dann jetzt. Also fing ich voller Ernst an, mit Gott zu reden. Und so zu tun (& zu hoffen), als gäbe es ihn.

Und ein paar Tage später – glaube ich zumindest, ich weiß den zeitlichen Abstand nicht mehr zu 100% genau – begegnete mir durch eine mir damals noch völlig fremde Frau im Fitnessstudio ausgerechnet Jesus. Sie kam einfach auf mich zu. Fragte mich, ob ich glauben würde. Und ob ich Lust hätte, mit ihr in die Kirche zu gehen. In Bangkok. Ich konnte nicht Nein sagen. Denn für mich war klar: Das hängt zusammen. Also ging ich mit. Und in diesem ersten Gottesdienst fing ich an, Jesus kennenzulernen. Und das Interessante war: Vieles von dem, was dort gesagt wurde, erschien mir gar nicht vollkommen fremd. Im Gegenteil. Ich konnte erstaunlich viel davon sofort übersetzen. Was dort gepredigt wurde, konnte ich mit Dingen verbinden, die ich bereits aus der Psychologie, meinem grundlegenden Mini-quantenphysikalischen Verständnis, aus meiner bisherigen Spiritualität und meiner damaligen Sprache von Energie, Frequenzen und dem Universum kannte. Ich hörte Bibelverse und dachte: Ja klar, das ergibt eh Sinn. Ich hörte Predigten und konnte Zusammenhänge herstellen (während ich mit meinem Ego kämpfte, aber es auch einfach mal zuließ). Manche Dinge erschienen mir fast erschreckend logisch. Als würde ich etwas hören, das ich auf irgendeine Art schon kannte – nur in einer anderen Sprache.

Und am Anfang half mir meine bisherige Sprache dabei, zu verstehen. Aber irgendwann verstand ich durch die Gemeinschaft mit anderen Christen etwas Entscheidendes: Eine Übersetzung kann auch in die falsche Richtung funktionieren. Ich konnte nicht Jesus nehmen und ihn so lange in mein bisheriges Weltbild übersetzen, bis er dort wie auf magische Art und Weise hineinpasste und mir gefiel. Ich konnte nicht hören, was Jesus sagte, und anschließend einfach sagen: Ach ja, das ist eigentlich nur das, was ich vorher Energie genannt habe. Das ist eigentlich nur Frequenz. Das ist eigentlich nur das Universum. Denn wenn ich wirklich anfing zu glauben, dass Jesus die Wahrheit ist, musste es irgendwann andersherum funktionieren. Dann konnte nicht mehr mein bisheriges Weltbild der Maßstab sein, an dem ich Jesus prüfte. Ich musste anfangen, mein bisheriges Weltbild an ihm zu prüfen. Und damit begann sich auch meine Sprache zu verändern.

Nicht weil plötzlich alles, was ich vorher beobachtet, erlebt oder verstanden hatte, wertlos geworden war. Sondern weil ich manches neu einordnen musste. Dinge, die ich vorher „dem Universum“ zugeschrieben hatte, begann ich Gott zuzuschreiben. Wo ich vorher von Energie oder Frequenzen gesprochen hatte, musste ich neu prüfen: Was meine ich damit eigentlich? Ist das etwas, das sich tatsächlich beschreiben lässt? Ist es eine Metapher? Oder habe ich einer unpersönlichen Kraft etwas zugeschrieben, was ich heute als Gottes Wirken verstehe? Meine alte Sprache hatte mir geholfen, bis hierher zu kommen. Aber sie durfte nicht bestimmen, wer Jesus ist.

Denn wenn ich wirklich die Wahrheit gefunden hatte, konnte ich nicht von ihr verlangen, sich meiner bisherigen Sprache anzupassen. Meine Sprache musste sich der Wahrheit anpassen. Und erstaunlicherweise fühlte sich das für mich nicht unlogisch an. Es war eine gewaltige Veränderung. Aber sie ergab komplett Sinn.

Und irgendwann verstand ich noch etwas. Ich musste meine gesamte Vergangenheit nicht plötzlich wegwerfen. All diese Momente, in denen Dinge passiert waren, die ich mir nicht erklären konnte. All diese Fügungen. All diese Wunder, die ich damals „dem Universum“ zugeschrieben hatte. Ich glaube heute nicht, dass ich mir all das eingebildet hatte. Ich glaube nur, dass ich die Quelle noch nicht kannte. Ich hatte etwas wahrgenommen, ohne zu wissen, wen ich da eigentlich wahrnahm. Denn rückblickend glaube ich nicht, dass Jesus erst in mein Leben kam, als ich seinen Namen kannte. Ich glaube nicht, dass Gott erst anfing zu wirken, als ich ihn endlich erkannte. Ich glaube, er war längst da & kann mich auch klar an Momente zurückerinnern, wo und wie genau. Er hatte sich längst in mein Leben eingeschaltet, bevor ich überhaupt verstand, wer er ist. Und irgendwann, nachdem ich Jesus wirklich als meinen Lord and Savior angenommen hatte, verstand ich plötzlich auch die Dinge neu, die vorher schon passiert waren. Die Wunder bekamen für mich einen anderen Ursprung. Die Fügungen bekamen einen Namen. Dinge, die ich vorher dem Universum zugeschrieben hatte, konnte ich plötzlich richtig einordnen.

Und dadurch musste ich auch mein früheres Denken über „das Universum“ neu betrachten. Es war für mich nicht einfach alles falsch gewesen. Es war zu klein gedacht. Ich hatte die Schöpfung gesehen, aber den Schöpfer noch nicht erkannt. Ich hatte Wirkungen gesehen & versucht, sie zu erklären und zu beschreiben und zu reproduzieren, aber ihre Quelle noch nicht gekannt. Ich hatte Zusammenhänge wahrgenommen und ihnen die Namen gegeben, die mir damals zur Verfügung standen. Und ich war auf der Suche, ohne zu wissen, wonach – oder vielmehr nach wem – ich eigentlich suchte. Diese (unbewusste) Suche war ein Weg. Aber die Wahrheit hatte ich noch nicht kennengelernt.

Und dann begegnete ich diesem unsichtbaren Jesus, der nicht einfach sagte: Ich habe meine persönliche Wahrheit gefunden. Der nicht einmal nur sagte: Ich kenne die Wahrheit. Sondern: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ – Johannes 14,6 Und plötzlich standen da ausgerechnet diese beiden Worte: Weg. Wahrheit. Und genau hier lag für mich irgendwann der entscheidende Unterschied. Jesus behauptete nicht nur, die Wahrheit zu kennen. Er behauptete, die Wahrheit zu sein. Natürlich macht eine Behauptung allein sie noch nicht wahr (wobei es für mich schon mutig war, das zu claimen - also entweder Größenwahnsinn oder wirklich die Wahrheit). Also begann ich zu recherchieren. Und dann auch noch: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ – Johannes 8,32 (Luther 2017) Und ich brauchte wirklich Wahrheit in einem Lebensbereich & das Gefühl von Freiheit zurück - also dachte ich mir: das Ganze mit Ihm anzugehen, kann nicht verkehrt sein. Also begann ich zu lesen. Zu lernen. Zusammenhänge zu verstehen. Die Bibel zu lesen. Mich mit Jesus auseinanderzusetzen und mit der Frage, wer dieser Mann eigentlich war, dem Menschen seit zweitausend Jahren folgen.

Und je mehr ich lernte, desto mehr veränderte sich etwas. Denn genau die Unterordnung, die sich bei einem menschlichen Guru für mich immer falsch angefühlt hatte, begann hier plötzlich einen vollkommen anderen Sinn zu ergeben. Bei einem Guru machen Menschen einen anderen Menschen zum Maßstab. Seine Wahrnehmung. Seine Interpretation. Seine Vorstellungen. Und genau dagegen hatte sich in mir immer etwas gewehrt. Das wollte ich nicht, da wurde ich wütend.

Aber wenn Jesus tatsächlich der ist, der er behauptet zu sein – Gottes Sohn, Gott und Mensch –, dann ordne ich mich nicht einfach der subjektiven Wahrheit eines weiteren Menschen unter. Dann ordne ich mich etwas unter, das größer ist als der Mensch. Und genau das war es doch, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte, ohne zu wissen, dass ich danach suchte: einen Referenzpunkt außerhalb von uns selbst. Etwas, das nicht einfach das macht, was ich will. Aber trotzdem liebevoll bleibt. Etwas, dessen Wahrheit nicht davon abhängig ist, ob sie mir gerade gefällt. Etwas, das mich sogar korrigieren darf. Plötzlich machte ich nicht mehr nur das, was ich wollte. Und genau das war unbequem. Aber auf die richtige Art und Weise unbequem. Gleichzeitig voller Freude, Frieden und Dankbarkeit. Denn er war für mich groß und göttlich genug, dass Hingabe nicht mehr bedeutete, meine eigene Urteilskraft einem anderen Menschen zu schenken. Es bedeutete, anzuerkennen, dass ich selbst nicht der höchste Maßstab bin.

Und dann geschah noch etwas. Je mehr ich über ihn lernte, desto weniger erschienen mir die einzelnen Felder des Lebens plötzlich bedeutungslos. Auf einmal ergab auch Forschen für mich Sinn. Nicht weil Wissenschaft für mich zu Gott wurde oder die Antwort auf jede Frage liefern konnte. Sondern weil man durch sie seine Schöpfung untersucht. Und plötzlich musste Forschung für mich auch nicht mehr irgendwann bei DER Wahrheit ankommen, um wertvoll zu sein. Sie konnte einen kleinen Teil von etwas untersuchen, dessen Ganzes für mich inzwischen einen Bezugspunkt hatte.

Psychologie ergab für mich auf einmal einen Sinn, den der Anfang meines Studiums (das ich nie zu Ende studiert habe) allein für mich nie gehabt hatte – weil wir versuchen zu verstehen, wie der Mensch funktioniert, den Gott geschaffen hat. Biologie. Physik. Geschichte. Psychologie. Philosophie. Sie mussten für mich nicht mehr miteinander um DIE Wahrheit konkurrieren. Sie konnten unterschiedliche Teile derselben Schöpfung untersuchen. Und plötzlich wurde aus den vielen kleinen Fragen für mich etwas Größeres. Sie liefen nicht mehr ins Nichts. Sie bekamen einen Bezugspunkt. Und damit veränderte sich auch die Bedeutung von Wissen für mich.

Die Frage war nicht mehr nur: Wie funktioniert etwas? Sondern irgendwann auch: Was erzählt mir das über die Schöpfung und was erzählt der Schöpfer selbst darüber? Was erzählt mir der Mensch über seinen Schöpfer und der Schöpfer über seinen Menschen? Was erzählt mir Ordnung über ihren Ursprung und der Ursprung über die richtige Ordnung? Was erzählt mir Wahrheit über denjenigen, der behauptet, die Wahrheit selbst zu sein und Wahrheit über die Wahrheit, nach der wir leben sollten? Jesus machte Wissenschaft für mich nicht bedeutungslos. Im Gegenteil. Er gab meiner Suche nach Wissen einen Kontext. Und plötzlich konnte ich verstehen, warum jemand sein Leben damit verbringen wollte, zu forschen.

Früher sagte ich, es gebe nicht DIE Wahrheit, weil ich keinen Menschen für berechtigt hielt, sie festzulegen. Und wenn ich heute auf diese Version von mir zurückblicke, finde ich diesen Gedanken noch immer erstaunlich integer. Denn bevor ich einen absoluten Maßstab kannte, wollte ich auch nicht so tun, als könnte ich selbst einer sein. Ich wusste nur noch nicht, dass genau darin meine eigentliche Frage lag.

Wenn kein Mensch der Maßstab für Wahrheit sein kann – wer oder was ist es dann? Heute ist meine Antwort darauf Jesus Christus. Nicht, weil ich irgendwann beschlossen habe, dass meine persönliche Wahrheit jetzt eben das Christentum ist. Das wäre genau dasselbe Problem in einem neuen Gewand. Dann hätte ich lediglich eine subjektive Wahrheit gegen eine andere ausgetauscht. Sondern weil ich heute glaube, dass Wahrheit nicht von mir erschaffen wird und weil mich das gleichzeitig herausgefordert und zutiefst entspannt hat. Ich kann sie nicht verändern, damit sie besser zu meinem Leben passt. Ich kann sie nicht durch meine Gefühle bestimmen. Ich kann sie nicht durch meine Wünsche umschreiben. Und ich kann sie auch nicht dadurch verändern, dass ich andere Worte für sie finde. Wenn etwas wahr ist, ist es nicht wahr, weil ich daran glaube. Es ist wahr – unabhängig davon, ob ich daran glaube, ob es mir gefällt oder ob ich es überhaupt wahrhaben will. Und genau das ist für mich heute ein gewaltiger Unterschied.

Denn dadurch bin auch ich weiterhin korrigierbar. Auch als Christin. Auch wenn ich mich mit der Bibel befasse. Auch wenn ich von Jesus spreche. Ich kann mich irren. Ich kann Dinge falsch verstehen. Ich kann meine eigenen Wünsche auf etwas projizieren. Ich kann einen Bibelvers falsch auslegen. Ich kann meine eigene Stimme mit Gottes Stimme verwechseln. Ich bin nicht die Wahrheit. Genauso wenig wie ein anderer Mensch. Und genau deshalb brauche ich einen Maßstab außerhalb von mir. Ich kann mich ihr nur immer weiter annähern. Sie kennenlernen. Sie prüfen. Mich von ihr korrigieren lassen. Und seitdem habe ich einen Maßstab, an dem ich Dinge einordnen kann und manchmal auch ganz klar sagen kann: „Ja, das ist wahr.“ Oder: „Nein. Das ist deine Überzeugung. Aber deine Überzeugung allein macht etwas noch nicht zur Wahrheit.“

Und interessanterweise hat mich die Erkenntnis einer absoluten Wahrheit nicht dazu gebracht, weniger zu hinterfragen. Sie hat mich dazu gebracht, noch mehr zu fragen. Denn wenn Wahrheit tatsächlich existiert, dann ist eine Frage keine Bedrohung für sie. Dann muss ich sie nicht davor beschützen, untersucht zu werden. Dann darf ich fragen. Dann darf ich forschen. Dann darf ich zweifeln. Dann darf ich lernen. Dann darf ich meine bisherigen Überzeugungen auf den Tisch legen und prüfen, welche davon tatsächlich wahr sind und welche nur Dinge waren, die ich irgendwann einmal geglaubt habe.

Je mehr ich die Wahrheit kennenlerne, desto mehr möchte ich sie kennenlernen. Je mehr ich verstehe, desto mehr möchte ich verstehen. Und desto mehr Liebe empfinde ich für sie. Denn für mich ist Wahrheit heute keine abstrakte philosophische Idee mehr. Sie ist nicht das, worauf sich genügend Menschen einigen. Sie ist nicht das, was sich für mich gerade richtig anfühlt oder was ich mir aussuche. Und sie verändert sich auch nicht dadurch, ob ich sie wahrhaben möchte oder nicht. Sie gehört mir nicht. Ich bin nicht die Wahrheit. Aber ich darf sie kennenlernen. Und sie hat für mich heute einen Namen: Jesus Christus.

Danke, Jesus, dass du die Wahrheit auch in mein Leben gebracht hast.

— Lena

Wenn dich das zum Nachdenken gebracht hat, schick es jemandem, den du liebst.

NÄCHSTER GEDANKE

Ich wollte niemandem etwas schuldig sein – weil ich frei bleiben wollte

Wie mich meine Angst vor unsichtbaren Schulden bis zu Jesus begleitete – und was die Gnade in mir verändert hat.

GEDANKEN DAZU

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