Seit 2019 fällt mir ganz bewusst auf, dass sich etwas in unserer Gesellschaft verändert. Nicht nur in Deutschland, sondern in unterschiedlichen Ländern und Gesellschaftsschichten – an manchen Orten sichtbarer, an anderen weniger. Und Bonnie Blue, Anne Wünsche, Katja Krasavice und so so so so viele mehr (auch im Kleinen) machen einen Teil davon z.B. richtig gut sichtbar: Wir haben komplett den Bezug zu “richtig” und “falsch” verloren und sind näher dran an der Truman Show als manch einer denken würde.
2019 hatte ich das, was viele in der Spiritualität als eine „Dark Night of the Soul“ bezeichnen würden. Diese erste tiefe Krise führte mich in die New-Age-Spiritualität. 2025 kam eine zweite. Diese führte mich zu Jesus. Und seitdem denke ich immer wieder über einen Satz nach, den ich selbst schon 2019 als Widmung in mein Buch geschrieben habe: Für alle, die „mehr vom Leben“ wollen. Heute glaube ich: Dieser Wunsch kann dich langfristig in zwei völlig unterschiedliche Richtungen führen – in Richtung Täuschung oder in Richtung Wahrheit. Was bedeutet eigentlich „mehr“? Für mich war dieses „Mehr“ damals eigentlich ein friedliches Gefühl von Tiefe und Freiheit. Dass man auf der Suche danach zwei völlig unterschiedliche Wege einschlagen kann, die nach außen sogar ähnlich „frei“ aussehen können – zumindest nach dem, was ein Großteil unserer Gesellschaft unter Freiheit versteht –, wusste ich damals noch nicht.
Und dass echte Freiheit wie ein Kreuz aussehen kann, an dem Jesus hing, hätte ich damals garantiert nicht begriffen. Obwohl ich vom Rest des normalen Schützenfests gefühlt doch schon sehr viel begriff – und mich genau deshalb auch oft unverstanden fühlte. Wir leben in einer Kultur, in der Grenzen schnell als Einschränkung und das Überschreiten von Grenzen (weil das oft als selbstbestimmte Entscheidungen betitelt wird) als Freiheit verstanden werden.
Mehr erleben. Mehr verdienen. Mehr sehen. Mehr ausprobieren – egal was, egal wie, Hauptsache neu. Mehr Aufmerksamkeit bekommen. Mehr aus sich herausholen. Mehr „wachsen“ – zumindest sieht es nach außen oft so aus. Und manche Arten dieses „Mehr“ ergeben durchaus Sinn und bringen uns wirklich weiter. Doch manches „Mehr“ fußt auf innerer Täuschung. Von außen ist der Unterschied manchmal kaum sichtbar. Ein Beispiel: Es ist ein Unterschied, ob du auf einer Yachtparty bist, weil du dir deinen Platz dort selbst ermöglicht hast oder Freunde dich eingeladen haben – oder ob du dort bist, weil ein Mann dich im Bikini dabeihaben wollte. Von außen sieht es vielleicht gleich aus: Du bist auf der Yacht. Aber der Weg dorthin und der Preis, den du dafür bereit warst zu zahlen, sind nicht dieselben. Ich persönlich habe gegen solche Dynamiken eine starke Abneigung und mache da nicht mit. Doch es gibt Menschen, bei denen irgendwann das „um jeden Preis“-Prinzip zählt: Hauptsache mehr.
Doch sichere Umfelder, Gewohnheiten und gesellschaftliche Traditionen zu verlassen, ist nur dann automatisch Fortschritt, wenn wir überhaupt einen Maßstab dafür besitzen, in welche Richtung wir uns bewegen beziehungsweise mit welchem inneren Fundament wir uns bewegen. Denn wenn dieser Maßstab nur unser eigenes Empfinden ist – oder das Empfinden anderer menschlicher Communities, denen wir uns zugehörig fühlen und bei denen wir uns wohlfühlen –, entsteht irgendwann ein Problem: Was, wenn selbst unser Sinn dafür, was gut und nicht gut ist, mit der Zeit verändert werden kann, weil sich der Maßstab unseres Empfindens verändern kann?
Was, wenn sich etwas irgendwann gut anfühlt, nicht weil es gut geworden ist – sondern weil wir uns daran gewöhnt haben? Und was, wenn sich etwas irgendwann schlecht anfühlt, nicht weil es schlecht geworden ist – sondern weil sich unser Maßstab verschoben hat? Dann reichen „Es fühlt sich für mich richtig an“ oder „Es fühlt sich für mich nicht mehr richtig an“ nicht mehr als Antworten. Denn was, wenn sich gar nicht die „Richtigkeit“ der Situation verändert hat, sondern der Maßstab, an dem du sie misst? Doch was, wenn sich dieser Maßstab immer weiter in die falsche Richtung verschoben hat?
Und genau diese Frage erfordert etwas Unbequemes: das eigene Leben nicht ausschließlich aus der inneren Ich-Perspektive zu betrachten, sondern sich selbst und die eigenen Maßstäbe kritisch zu hinterfragen. Und das kann einen erst einmal ganz schön durchrütteln UND unbequem werden. Denn was oder wem kannst du noch vertrauen, wenn nicht einmal dir selbst? Falls du an diesem Punkt bist: Frag nach Jesus. Fang an, Ihn zu suchen und kennenzulernen.
Ich habe das selbst erlebt - in so vielen Situationen Als ich z. B. meine erste Zeit in Thailand verbrachte, war ich auf ganz natürliche Weise von Rotlichtvierteln abgestoßen. Irgendwann saß ich selbst mittendrin, feierte mit und verhielt mich – wie ich damals dachte – „ganz locker“. Ich war sogar ein bisschen stolz darauf. Ich dachte, ich hätte mich weiterentwickelt. Ich hielt meine zunehmende Gleichgültigkeit für Offenheit und meine Gewöhnung für persönliche Entwicklung. Ich dachte, ich würde lockerer in meiner Partnerschaft werden und vielleicht würde es unserer Beziehung ja wieder besser gehen, wenn wir uns in solchen Angelegenheiten mehr Freiraum ließen. Wir wussten es nicht besser – weder er noch ich.
Er hatte ein erstaunlich treffendes Gefühl dazu, eines, das ich im Nachhinein als extrem stimmig mit dem christlichen Verständnis davon empfinde. Doch über dieses Gefühl hinaus begründen konnte er es damals auch nicht. Und ich hatte schließlich ebenfalls mein eigenes Gefühl, denn für mich wirkte seine Erklärung zu rational und zu wenig gefühlvoll – nur war mein Gefühl genau konträr zu seinem. Heute schaue ich darauf zurück und sehe etwas völlig anderes. Nicht die Situation hatte sich verändert. Mein Maßstab hatte sich verschoben. Und danach verschob sich seiner.
Denn wir hatten kein gemeinsames Fundament, keinen klaren höheren Maßstab, an dem wir uns beide orientieren konnten. Schon Jahre zuvor hatte er über Versuchungen gesprochen, die er als Mann wahrnahm, und dafür manchmal das Wort „Teufel“ benutzt. Mir tat das damals weh, denn ich konnte seine Worte nicht in ein größeres Bild einordnen und bezog sie auf mich und unsere Beziehung. So trieb uns manches immer weiter auseinander, obwohl Liebe da war. Heute sehe ich darin etwas, das ich damals nicht verstanden habe: Aus christlicher Perspektive ist der Gedanke, dass Versuchung, Täuschung und andere Einflüsse Menschen voneinander und von dem, was gut ist, wegziehen können, gar nicht so weit hergeholt.
Wo etwas Gutes ist, braucht es Schutz und Wachsamkeit. Denn die Bibel macht ziemlich deutlich, dass wir mit Versuchung und geistlichem Widerstand rechnen müssen – und dass wir Gott brauchen, um darin standzuhalten und wirklich an uns arbeiten zu lassen. Von Ihm.
Denn wir alle tragen Wunden und brauchen Gottes Heilung, Seine Gnade und Seine Liebe. Gerade in einer Welt, in der uns unzählige Stimmen erklären wollen, wer wir sind, was mit uns nicht stimmt, was wir brauchen und was wir als normal akzeptieren sollen. Dabei kann eine rein menschliche Erklärung vielleicht einen Teil von uns beschreiben – ohne damit automatisch das ganze Bild zu erfassen. Wir hatten einfach kein gemeinsames Verständnis davon – und damit auch keinen gemeinsamen Maßstab, an dem wir das hätten prüfen können.
Und genau das erschreckt mich auch rückblickend: wie schleichend so ein Prozess passieren kann. Wenn die Menschen um dich herum ebenfalls sagen, etwas sei normal oder nicht normal, lustig oder harmlos, gut oder schlecht, verschwindet irgendwann der innere Widerstand. Schließlich wollen wir dazugehören, wir wollen Klarheit und wir wollen das Richtige tun.
Wir fühlen Bindung zu Menschen. Wir vertrauen unserem Umfeld und vor allem vertrauen wir uns selbst. Was also in unserem Umfeld – oder schon in unserer Kindheit – selbstverständlich war, beginnt irgendwann auch für uns selbstverständlich und damit richtig zu wirken. Aus christlicher Perspektive glaube ich heute, dass genau darin eine Form geistlicher Täuschung liegen kann.
Nicht alles, was uns von Gott entfernt oder nicht der Wahrheit entspricht, sieht am Anfang zerstörerisch aus. Manches sieht aus wie Freiheit. Manches wie Selbstverwirklichung. Manches wie Toleranz. Manches wie persönliches Wachstum. Und manches fühlt sich sogar gut an. Manches kann sogar so aussehen oder sich anfühlen, als würden wir Gott folgen.
Aber wer entscheidet dann, was gut ist? Genau hier liegt für mich heute die entscheidende Frage. Wenn jeder Mensch selbst bestimmt, was für ihn richtig und falsch ist – gibt es dann überhaupt noch ein Richtig und Falsch außerhalb unserer persönlichen Empfindungen? Ich glaube inzwischen sehr stark: ja. Und ich glaube, dass wir diesen Maßstab nicht selbst erschaffen können. Sondern dass derjenige, der uns erschaffen hat, ihn uns gegeben hat – und dass er deshalb nicht gegen uns, sondern für uns gedacht ist. Unabhängig von unseren eigenen Gefühlen, die ein Leben lang Zeit hatten, sich zu verschieben und sich dem „Normal“ unserer Gesellschaft und unseres Umfelds anzupassen. Diesen Maßstab erkenne ich heute in Jesus Christus.
Nicht in einer Gesellschaft, die ihre Werte verändern kann. Nicht in einem Algorithmus, der das belohnt, was Aufmerksamkeit erzeugt. Nicht in meinem Freundeskreis. Nicht in meiner Familie. Nicht in den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Nicht einmal ausschließlich in meinen eigenen Gefühlen. In Christus.
Und das bedeutet nicht, dass Nachfolge immer angenehm ist. Im Gegenteil. Wenn sich dein Maßstab verändert, kann plötzlich das falsch erscheinen, was dein Umfeld für vollkommen normal hält. Du kannst Freunde verlieren. Umfelder verlassen. Möglichkeiten anders beurteilen. Dinge bereuen, die du früher gefeiert hast. Du kannst missverstanden werden und Gegenwind bekommen. Denn Wahrheit hat plötzlich einen Namen und einen klaren Rahmen – und das ist nicht immer bequem. Manchmal reißt sie zunächst etwas ein. Und genau deshalb kann Umkehr wehtun. Man muss möglicherweise Scham anschauen, Trauer zulassen, Verantwortung auf eine neue Art und Weise übernehmen und teils akzeptieren, dass manche Dinge, die man jahrelang erarbeitet und gelebt hat, vielleicht doch nicht gut waren. Ich verstehe deshalb auch, warum so viele Menschen lieber jahrelang rechtfertigen als umkehren.
Vielleicht haben wir „mehr Leben“ falsch verstanden Ich glaube nicht, dass „mehr vom Leben“ bedeutet, immer mehr und möglichst viel Verschiedenes zu erleben. Ich glaube nicht, dass es bedeutet, möglichst viele Grenzen zu überwinden, möglichst viel Geld zu verdienen, möglichst sichtbar zu sein oder alles ausprobieren zu können – selbst wenn wir dafür unsere Integrität aufgeben müssten.
Ich glaube, wirklich mehr vom Leben hast du schon dann, wenn du dankbar sein kannst. Wenn du echte Liebe geben und empfangen kannst. Wenn du Frieden kennst. Wenn du nicht ständig etwas beweisen musst. Und wenn du wieder unterscheiden kannst zwischen dem, was dich und dein Herz wirklich lebendig macht, und dem, was nur für einen Moment nach Freiheit aussieht.
Und genau diese Freiheit habe ich in Jesus Christus gefunden. Sie kostet etwas. Sie kann Vorstellungen, Beziehungen, Gewohnheiten und ganze Versionen unserer bisherigen Identität kosten.
Aber ich habe gelernt: Nicht alles, was dich etwas kostet, nimmt dir wirklich etwas weg. Manches gibt dir Leben zurück – nicht nur für dieses Leben, sondern für die Ewigkeit. Und genau darin liegt für mich heute das so viel größere „Mehr“. Dass Jesus Christus für unsere Sünden am Kreuz starb und uns Versöhnung mit Gott anbietet, können wir uns nicht verdienen. Wir können sie nur annehmen.
Danke, Jesus. Ich bete, dass Du jedes Herz berührst, das zu diesem Text gefunden hat.
Lena :)
— Lena
NÄCHSTER GEDANKE
Ich wollte niemandem etwas schuldig sein – weil ich frei bleiben wollte
Wie mich meine Angst vor unsichtbaren Schulden bis zu Jesus begleitete – und was die Gnade in mir verändert hat.